Internetberatung Sven Przepiorka

50 Thesen von Christoph Kappes zu den Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik

· Netzpolitik · ·

Ich habe seit längerem nicht mehr so ein spannendes Dokument gelesen, wie die 50 Thesen von Christoph Kappes zu den Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik.

Ich habe seit längerem nicht mehr so ein spannendes Dokument gelesen, wie die 50 Thesen von Christoph Kappes zu den Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik.

Gestern Nacht kam kurz vor zwei Uhr eine Benachrichtigung von einer Facebook-Gruppe und obwohl ich eigentlich längst schlafen wollte, fesselte mich das darin verlinkte Dokument mit den 50 Thesen so sehr, wie kein anderes in den letzten Monaten. Ich musste es tagsüber sogar noch einmal ein zweites Mal lesen. Was bei mir schon sehr viel heisst. Neben dem Inhalt wird es wahrscheinlich daran liegen, dass es in einer eher technischen Sprache geschrieben ist, die ich gut nachvollziehen kann.

Aber um was geht es genau? Ich zitiere mal wörtlich die kurze Zusammenfassung aus dem dazugehörigen Blogeintrag:

1. Die Digi­ta­li­sie­rung ist weit mehr als das Inter­net oder gar Social Media. Digi­ta­li­sie­rung bedeu­tet, das weiß jeder­mann, dass ana­loge Infor­ma­tion in binäre Infor­ma­tion umge­wan­delt. Der Begriff meint aber auch ein hier­auf auf­set­zen­den Pro­zess, bei dem alle Hand­lun­gen gemes­sen, algo­rith­misch bewer­tet, simu­liert wer­den kön­nen. Er bedeu­tet auch, dass Hand­lun­gen als Pro­zesse und deren Teil­pro­zesse betrach­tet wer­den kön­nen, wobei man Prozesse misst, um sie zu stan­dar­di­sie­ren, zu ver­kür­zen, zu beschleu­ni­gen. Allein durch die­sen Pro­zess wird sich Poli­tik verän­dern, das letzte wich­tige Teil­sys­tem der Gesell­schaft vor Kunst und Religion, das noch nicht digi­ta­li­siert ist. Pla­ka­tiv: Erst messen, dann mei­nen — wie Google. Law is Code — Pro­zesse kann man wie prä­zise defi­nierte Schritte im Soft­ware Engi­nee­ring anse­hen, von der Anfor­de­rung bis zum Bug­tracking und Releasemanage­ment.
2. Es ändert sich das Medi­en­sys­tem und das die Kom­mu­ni­ka­tion innerhalb des Publi­kums und somit die Umwelt der Poli­tik. Das hat Konse­quen­zen für die Poli­tik selbst.
3. Es ändert sich dra­ma­tisch, wie Poli­tik mit ihrer Umwelt kommunizie­ren wird.
4. Es ändern sich die Orga­ni­sa­ti­ons­for­men der Poli­tik, weil Organisa­tion sich nach den Erfor­der­nis­sen ent­wi­ckelt, und diese sind kom­ple­xer und diver­ser als früher.
5. Es ändern sich die Akteure der Poli­tik, ins­be­son­dere die Parteien.
Man muss sich ein­fach nur klar­ma­chen: Der Com­pu­ter und das Internet erlau­ben neue soziale Hand­lun­gen, und die wer­den ein­treten, wenn sie Nut­zen stif­ten. Des­we­gen ist die typi­sche Haltung der meis­ten Poli­ti­ker, die ihre Auto­no­mie nicht ein­geschränkt sehen möch­ten und des­we­gen mei­nen, die Ände­run­gen irgend­wann selbst noch ver­mei­den zu kön­nen, zwar rich­tig, aber falsch: Es kommt näm­lich, wie es kommt, weil es gut ist. Tech­nik ist das Ergeb­nis sozia­ler Pro­zesse und Tech­nik prägt soziale Prozesse, so geht es hin und her.

Auch wenn der Grundtenor für mich nicht gänzlich neu ist und ich auch nicht jeder These im vollen Umfang zustimmen würde, lohnt es sich das vollständige Dokument zu lesen. Es gibt kein anderes Dokument, was die höchst wahrscheinlichen Auswirkungen des digitalen Zeitalters auf die Politik so umfassend und vorausschauend beschreibt.

Auf einzelne Thesen und ihre Eintrittswahrscheinlichkeiten möchte ich jetzt gar nicht eingehen. Dafür eignet sich ein Blog meiner Meinung nicht. Spannend fände ich es allerdings, wenn man mal die Thesen in einem typischen Hype-Zyklus anordnen würde. Die meisten Thesen dürften noch deutlich vor dem Gipfel der überzogenen Erwartungen anzuordnen sein. Manche sind vielleicht auch schon über den Gipfel hinweg. Fakt dürfte nur sein, dass so oder so ähnlich alle Thesen Realität werden dürften.

Nach dem Lesen des Dokuments plagen mich nun aber vor allem zwei zentrale Gedanken:

  1. Warum wurde ich heute im Laufe des Tage nicht auch an anderen Stellen auf das Dokument aufmerksam gemacht? Auch wenn der dazugehörige Blogeintrag über 1000 Mal aufgerufen wurde, habe ich ihn (außer kurz heute morgen bei Twitter) nie an anderen Stellen wiedergefunden. Habe ich die falschen Blogs oder Follower abonniert?

  2. Was macht man jetzt mit dem Dokument? Welche Konsequenzen müssen die politischen Akteure daraus ziehen? Denn meiner Meinung nach ist jetzt noch für die Politik die Chance da, den Prozess aktiv mitzugestalten und sich für die Zukunft zu rüsten.

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