Internetberatung Sven Przepiorka

Politcamp 2009-2014

· Meinung · ·

Gestern wurden die Einladungen für die Mitgliederversammlung vom Politcamp e.V. verschickt und der zentrale Tagungspunkt ist die Auflösung des Vereins. Auch wenn es anscheinend noch Denkansätze gibt, den Verein mit einem neuen Team irgendwie fortzuführen, glaube ich nicht mehr daran. Die Zukunft liegt wohl in den parteinahen, netzpolitischen Vereinen.

Das Politcamp und der daraus gegründete Verein Politcamp e.V. hat mein netzpolitisches Interesse sehr geprägt.

Ich werde nie vergessen, wie ich 2009 mehr durch Zufall auf dem ersten Politcamp in Berlin gewesen bin und die meiner Meinung nach legendäre Session von Alexander Kurz und Oliver Zeisberger über den Landtagswahlkampf in Hessen verfolgt habe. Damals war alles noch sehr einfach. Der "Feind" war nicht einfach nur der politische Gegner, viel mehr saß er in den Entscheidungsebenen der einzelnen Parteien. Wir, die Teilnehmer des Politcamps, saßen alle in einem Boot. Wir hatten bereits verstanden, welche Chancen das Internet für die Gesellschaft als auch für Parteien bietet. Die dort oben in den Führungsebenen der etablierten Parteien noch nicht. So war auf dem Politcamp ein offener Austausch unter Gleichinteressierten problemlos möglich, zumal das Thema und die Umsetzung für alle Teilnehmer gleichermaßen Neuland war.

Schon im Jahr darauf war das Politcamp anders. Netzpolitik war kein Nischenthema mehr. Es gab auf einmal die Piraten, die einen großen Medienhype erzeugten. Auch zahlreiche Politiker nahmen das Politcamp auf einmal als Plattform war. Und ich freue mich bis heute noch darüber, dass es meine Chefin war, die als erste Bundesministerin ein Barcamp besuchte :-) Durch die neuen Teilnehmer änderte sich jedoch auch das Gefühl auf dem Politcamp. Es war nicht mehr länger nur ein miteinander, sondern auch viel gegeneinander. Die etablierten Parteien gegen die Piraten, die Netzgemeinde gegen die Politiker, Internet-Befürworter gegen -Gegner, etc. Obwohl die Anzahl der zu diskutierenden Themen anstieg, nahm zur gleichen Zeit der offene Austausch untereinander ab und es zeichneten sich erste Fronten ab.

2011 fand dann das Politcamp erstmalig nicht mehr in Berlin, sondern in Bonn statt. Nicht nur durch den Ortswechsel war die Atmosphäre bei diesem Barcamp anders. Für mich entwickelte es sich mehr zu einer Art Klassenfahrt, bei der die Erlebnisse drumherum aufregender waren als das Event an sich. Inhaltlich gab es kaum noch neues zu erfahren und die Abgrenzungen zwischen den einzelnen Interessengruppen wurden immer deutlicher. Netzpolitische Themen waren mittlerweile zu normalen politischen Themen verkommen, die den normalen politischen Prozessen unterlagen.

Vielleicht auch gerade deswegen schien eine Stärkung der Idee hinter dem Politcamp durch eine Vereinsgründung logisch. Ein überparteilicher Verein für netzpolitischen Austausch war ein lohnenswertes Ziel und deswegen bin ich gerne damals mit einigen anderen nach Hamburg gereist und habe den Politcamp e.V. gegründet. Auch als Zeichen der Anerkennung für die zuvor geleistete tolle Arbeit von Valentin Tomaschek, Ralph Makolla und einigen anderen.

Allerdings muss man sich meiner Meinung nach auch eingestehen, dass die Idee nie richtig funktioniert hat. Außer 1-2 kleineren Abendveranstaltungen (beide sehr gut besucht und mit interessanten Gästen) und dem letzten Politcamp (leider nur noch ein Nostalgie-Termin) wurde nichts weiteres auf die Beine gestellt. Zwar hätte sich jeder jederzeit einbringen können, doch am Ende hat jeder darauf aus unterschiedlichen Gründen verzichtet. Schließlich ist der gesamte Verein irgendwann eingeschlafen. Jeder, der sich darüber aufregt, muss sich erst einmal an die eigene Nase fassen.

Das jetzt der Verein am Ende seines Daseins steht finde ich sehr schade, aber letztendlich unvermeidbar. An eine Wiederbelebung durch einen neuen Vorstand glaube ich persönlich nicht. Die Zeit für einen überparteilichen, ideologiefreien netzpolitischen Verein ist vorbei.

Wer sich heute für Netzpolitik engagieren möchte, sollte meiner Meinung nach lieber einem der parteinahen Vereine, wie etwa D64 oder c-netz, beitreten. Auch wenn diese Vereine vergleichsweise noch relativ jung sind und auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt, sind sie dennoch bereits jetzt gut organisiert, weitreichend vernetzt und besitzen das nötige Engagement in den Vorständen. Was ich mir lediglich dort noch etwas wünsche, ist ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Identität und das bisher geleistete. Aber dazu vielleicht irgendwann einmal mehr ...

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