Internetberatung Sven Przepiorka

re:publica XI - und die Welt dreht sich immer noch

· Meinung · ·

Zwar sind erst zwei Tage der re:publica vorbei, da ich jedoch am Freitag mehr abseits der Veranstaltung unterwegs sein werde, ist es jetzt schon Zeit für ein kleines persönliches Fazit.

Auch dieses Jahr war das Wetter irgendwie ein Spiegelbild der Veranstaltung. Schien in den letzten Jahren noch überwiegend die Sonne, so war dieses Jahr alles grau in grau und völlig verregnet. In den Sessions und den persönlichen Gesprächen konnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass die Luft bei vielen raus ist.

Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Veranstaltung wie immer gut organisiert war. Auch wenn man - wahrscheinlich wegen dem Regen - immer das Gefühl hatte, dass auf dem Schwarzmarkt noch weitere Tickets verkauft worden sind. Die Kalkscheune ist diesmal eindeutig an die Kapazitätsgrenzen gestossen, so dass man wegen den Wartezeiten bei den Treppenaufgängen nur die Wahl hatte, entweder nur jede zweite Session zu besuchen oder immer nur in einem Raum zu bleiben. Auch die persönlichen Gespräche zwischendurch wurden so mit einem noch größeren Zeitdiktat als sonst unterlegt, da jeder mindestens 20 Minuten vorher zu seinem nächsten Sessionraum los musste.

Die Qualität der Sessions war wie immer auf solchen Veranstaltungen sehr unterschiedlich, jedoch hatte jede Session seinen eigenen erinnerungswürdigen Charme. Insofern war es doch immer irgendwie unterhaltsam. Gemeinsam hatten aber die meisten Sessions, dass man schnell merken konnte, dass sich die einzelnen Themen rund um das Thema Internet kaum weiterentwickelt haben.

Die Digitale Gesellschaft

Sich diesem wohl bewusst, war anscheinend auch Markus Beckedahl mit seinen Freunden bemüht, einen eigenen markanten Akzent auf der von ihm organisierten re:publica XI zu setzen: die digitale Gesellschaft. Dabei handelt es sich um einen gemeinnützigen Verein, der sich gegenüber der Politik für einen offene und freie digitale Gesellschaft einsetzen will. Nach eigenen Aussagen will man Druck auf die politischen Akteure ausüben, über geplante politische Vorhaben aufklären und für digitale Bürgerrechte eintreten. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Art Lobbyverband für Internetpolitik.

Wie immer, wenn sich jemand selbst als Vertreter für die im Internet agierenden Menschen ernennt, bleibt natürlich nicht die Kritik aus. Der Verein ist bislang sehr intransparent. Weder weiß man genau, wer stimmberechtigt im Verein ist, noch wofür die eingesammelten Spenden verwendet werden dürfen. Dieser Informationsmangel finde ich selbst etwas schade und überraschend. Wenn man selbst andauernd Transparenz einfordert, sollte man diese auch von Anfang an selbst zeigen. Verständnis habe ich jedoch, dass Markus Beckedahl zu Beginn nur seine Berliner Freunde um sich versammelt hat und dass man momentan keine weiteren stimmberechtigten Mitglieder aufnimmt. Seine Argumentation, dass man ansonsten nur immer reden aber nie eine Entscheidung treffen würde, kann ich sehr gut nachvollziehen. In der Kombination mit der Intransparenz bekommt dies jedoch ein unnötiges Geschmäckle. Vielleicht hätte er am Anfang eher auf das Konstrukt "gemeinnütziger Verein" verzichten sollen.

Für die Gründung der "Digitalen Gesellschaft" wurde übrigens gerne von Markus Beckedahl der Grund angebracht, dass er immer öfter zu Veranstaltungen von Politikern eingeladen wurde, um Ihnen das Internet zu zeigen, und dass er dies zusammen mit seinen Mitstreitern irgendwann nicht mehr zeitlich stemmen konnte. Auch dies kann ich nachvollziehen. Jedoch werde ich das Gefühl nicht los, dass im Unterton eine kleine Fehleinschätzung zu finden ist. Meiner Meinung nach wurde er nicht allein wegen seiner Kompetenz, sondern vor allem wegen seiner bisherigen Hausmarke netzpolitik.org eingeladen. Ihm ist es bislang als einzigster gelungen, sich eine namenhafte Marke im Bereich der Netzpolitik aufzubauen. Und diese braucht man, wenn man auf einem Podium und vom Publikum ernst genommen werden will.

Was jetzt mit der Gründung der "Digitalen Gesellschaft" vollzogen wird, ist leider nichts anderes als eine weitere Professionalisierung der Anfänge mit netzpolitik.org. Ich hätte mich aber mehr gefreut, wenn die Digitale Gesellschaft von jemand anderem gegründet worden wäre. Eine weitere, eigenständige Stimme im Bereich der Netzpolitik hätte der Sache gut getan.

Wenn ich abschließend an die Session am Donnerstag zurückdenke, auf der die "Digitale Gesellschaft" vorgestellt wurde, bin ich ziemlich gespannt, wie sich alles noch weiterentwickeln wird. Der Unmut bei den Zuhörern war deutlich wahrzunehmen. Auch wenn es aufgrund von fehlender Eigeninitiative sicherlich keine Spaltung der Szene geben wird, bleibt es für mich offen, ob die "Digitale Gesellschaft" jemals Akzeptanz bei den sogenannten Netzaktiven finden wird. Ob die aber überhaupt notwendig ist, ist eine andere Frage.

Sessions

Zum Schluß noch eine kurze Liste von Sessions, die ich nun tatsächlich besuchen konnte:

Leider konnte ich die wenigsten Sessions wegen den Schlangen während der Raumwechsel vollständig verfolgen, aber es reichte dann doch immer aus, um einen Eindruck von der Session und den Vortragenden zu gewinnen.

Insgesamt drei Sessions werden mir wohl in besonderer Erinnerung bleiben: der Vortrag über visuellen Datenjournalismus wurde zwar sehr locker gehalten, gab einen sehr guten Einblick in die Arbeitsvorgänge, die beim Erstellen von interaktiven Datengrafiken entstehen können. Die Wortanalysen in der Session Wake the Blog: von Datenkraken und Internettätern waren immer auf den Punkt genau und haben zum Nachdanken angeregt. Und zu guter Letzt, ich gebe es fast schon ungern zu, die Session What's happening? Love. Die hatte etwas. Und stellte ein guten, unterhaltsamen Abschluss für die re:publica XI dar.

republica XII ?

Mal sehen. Momentan eher nicht.

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